Die Kunst des Wissens

Es ist seltsam, dass den berühmten drei Kränkungen des modernen Menschen immer wieder weitere hinzugefügt werden. Nachdem Kopernikus die Erde aus der Mitte der Welt gerückt, Darwin den Menschen als besseren Affen beschrieben und Freud ihn als Apparat seiner Triebe gesehen hatte, degradierte ihn die Soziologie zum Teil eines Netzwerkes, und Neuropsychologen sprachen ihm den freien Willen ab, weil er nur eine an ein vorprogrammiertes Hirn angeschlossene Maschine sei. Evolutionär orientierte Biologen hielten ihn für die Einwegverpackung egoistischer Gene, die sehr wohl einen Willen hätten, nämlich den, sich zu kopieren. Die beste Ökonomie haben dabei die Viren. Der Dramatiker Heiner Müller nannte den humanen Organismus denn auch eine Virenkneipe.

Seltsam ist diese Mode, weil Erkenntnis kein Rückschlag, sondern ein natürlicher Wachstumsprozess ist. Erkennen ist das Motiv des Erwachsenwerdens, in dessen Verlauf der Mensch ein innigerer Teil der Welt wird. So züchtete er erst Nutzpflanzen und programmiert heute Viren auf die Zerstörung von Tumorzellen. Auch am Anfang der Moderne stand keine Zurücksetzung, sondern ein wirklich grosses Ankommen.

Neue Zürcher Zeitung.