Gendern oder nicht gendern?

Zuerst kommt der Respekt, danach die Grammatik

 

Sprache ist, was man versteht. Und das verändert sich, egal wie viele Altherrentexte gegen das Gendern noch geschrieben werden. Eine neue Vereinbarung im Sprechen muss allerdings funktionieren. Wie wär’s mit einem neuen Honorifikum, einer Respektsform zwischen Frauen und Männern?

Das Gendern ist ein ähnlich verfranstes Thema wie das Radfahren in der Stadt: Viele Interessen, Argumente und Emotionen um wenig Platz, kein Fortschritt, und bleiben wie es ist, kann es auch nicht. Doch niemand hört gerne, dass weder Fußgängerinnen und Fußgänger noch Autofahrer und Autofahrerinnen Platz machen wollen. So läse sich die korrekt gegenderte Aussage über das Radfahren als Problem nach der fristlosen Kündigung des generischen Maskulinums, der traditionell üblichen Verwendung des männlichen Sprachgeschlechts als Normalform. Denn Fußgänger sind dann nur Männer, Frauen sind nicht mehr mit gemeint. Der Satz wirkt aber auf den Hörer, als habe er eine Schwermetallvergiftung: Am Ende weiß er kaum noch, wie der Satz angefangen hat. Geht es hier noch um urbanen Verkehr oder eigentlich um Frauen und Männer? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Frauen sollten sichtbar sein, das ist die Forderung, mit der das Gendern begründet wird. Paradoxerweise stimmt es aber gar nicht, dass Frauen im generischen Maskulinum unsichtbar sind. Denn unsichtbar sind im generischen Maskulinum die Männer. Es gibt ja für sie keine eigene grammatische Form. Wenn man bei den Doktoranden allein von den Jungs sprechen möchte, wirds kompliziert, man kann nur sagen: die Jungs unter den Doktoranden. Möchte man dagegen über die weiblichen Doktoranden sprechen, so ist das sehr einfach, denn das sind die Doktorandinnen.

Den Vorteil, allein oder mit allen genannt werden zu können, verlieren die Frauen mit dem generischen Maskulinum. Denn nun kann eine nicht mehr die beste unter den Doktoranden sein, sondern nur noch die beste unter den Doktorandinnen. Wird zum Beispiel eine Physikerin oder Theologin als Professorin des Jahres ausgezeichnet, folgt ein Lächeln und bisweilen eine Ablehnung mit dem Hinweis, es gäbe ja nur zwei oder drei. Beeilt man sich zu versichern, sie habe sich auch gegen Männer durchgesetzt, so sei das gemeint gewesen, sie sei die Beste unter Professorinnen und Professoren, dann verletzt man die neue Grammatik. Man müsste mindestens sagen, sie sei die Beste von allen aus der Gruppe aller Professorinnen und Professoren. Dann ist aber wieder das passiert, was man schon kennt: Die Kaperung des Satzes durch ein anderes Thema, whataboutism, im Netz heißt es auch thread hijacking. Inhaltlich ist es eine Sexualisierung. Gar keine Kleinigkeit.

Vielleicht ist diese unpassende Sexualisierung das größte Problem des Genderns. Wenn jemand von den Eisläuferinnen und Eisläufern auf dem Wannsee spricht, denkt man nicht mehr an das Eislaufen, sondern an die Probleme zwischen Frauen und Männern. Dabei passiert noch etwas schlimmeres: Die Eisläufer und Eisläuferinnen erinnern niemanden mehr an die Kindheit, in der das Eislaufen etwas so Berührendes war, das erste Gleiten auf der zerbrechlichen Fläche, denn die Kinder sind in dem Bild nicht mehr enthalten. Gendern ist ein bisschen wie Loriot im Wohnzimmer, der ein nur ganz leicht schief hängendes Bild gerade rücken will und Minuten später alles ramponiert hat. Sollten wir das Gendern also lieber lassen?

Handfeste grammatikalische und praktische Argumente dagegen gibt es ja auch: Vor allem finde die Abbildung des Sexus im Genus überhaupt nicht statt. Wer die Augen schließe und sich die Führungsperson vorstelle, der sehe einen Mann. Auch gäbe es keine Gleichstellung durch Sprache. Die einst dröhnend durch Judith Heitkamp vom Bayrischen Rundfunk vorgetragene Forderung, Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter zu sagen, war zudem die Groteske schlechthin: Wollte man wirklich so dazu beitragen, dass sich der Anteil von Frauen unter den wortkargen Herren mit Zollstock, Butterbrot und Zigarette erhöht? Um welchen Faktor mal Null? Mancher erinnerte bei der Gelegenheit daran, dass es weniger Studentinnen des Maschinenbau gibt als Abonentinnen der Emma.

Der Kampf gegen die Unsichtbarkeit von Frauen erarbeitete sich zudem einen schlechten Ruf, als man inkonsequent genderte und davon sprach, dass Künstlerinnen und Künstler, sowie Musikerinnen und Musiker unter den Nationalsozialisten gelitten hätten. Aber, wurde gefragt, nicht unter Nationalsozialistinnen? Gab es nicht, schallte es tatsächlich laut aus dem Netz zurück! Wendy Lower wird ja auch vielleicht nicht so viel gelesen, Bernhard Schlink aber eigentlich schon. Oder war der Satz ausgerechnet an dieser Stelle einfach zu lang gewesen? Die Lösung mochte in Kurzformen mit Binnen-I, Asterisk und Unterstrich liegen. Aber es protestierten nicht nur Schöngeister, die ausgerechnet damit existenzielle Probleme hatten und nicht mit hässlichen Enten wie Erzählungsbänden oder Brustwarzen. Es protestierten eben auch sehr entschlossen die Lehrenden im Fach Deutsch als Fremdsprache, genauso protestierten Lesebehinderte und Programmierer. Mehr noch, der Rat für deutsche Rechtschreibung wandte sich gegen die Aufnahme von Sonderzeichen in die deutsche Sprache. Dieser Rat ist ein zwischenstaatliches Gremium, das von den staatlichen Stellen damit betraut wurde, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren und die Rechtschreibung auf der Grundlage des orthografischen Regelwerks im unerlässlichen Umfang weiterzuentwickeln. Wäre dort eine Änderung als unerlässlich erklärt worden, dann wären bald Gesetzestexte, Vertragswerke und Verfassungsartikel betroffen gewesen. Eine dysfunktionale Sprache können wir uns wirklich nicht leisten. Der nächste Impfstoff könnte plötzlich nur für Männer zugelassen sein, wenn es in der Dokumentation nicht explizit auch Probandinnen gab.

Ökonomie ist in der Sprache also kein Luxus, sondern eine ihrer ersten Pflichten. Und diese kann auch allein Veränderungen erzwingen. Zum Beispiel stirbt im deutschen gerade das Personalpronomen. Bin gleich da — das schreibt sich mit zwei Daumen auf einem Display halt schneller als mit dem Pronomen. Der Informationsgehalt ist derselbe. Spannend zu beobachten, wie schnell sich die Hörgewohnheit ändert. Denn was zuerst etwas schnoddrig wirkte, ist schon Norm geworden, und jemand, der „ich bin gleich da“ schreibt, klingt nun eher unjung. Eben erschien ein 500 Seiten starkes erzählerisches Sachbuch in diesem neuen Twitterton, Philip Kohlhöfer erklärt darin sehr unterhaltsam Pandemien. Geht also, will man sagen. Im Spanischen war es übrigens schon immer so, man kann an der Konjugation erkennen, wer spricht oder gemeint ist, und zweimal braucht man eine Information nicht. Frau Bundeskanzler genügt ebenso, wobei man auch Frau Bundeskanzlerin sagen kann, darüber wird kein Sekt schal und niemand ausgeschlossen. Eine Frage der Höflichkeit letztlich, oder sagen wir lieber: des Respekts. 

Und um genau den geht es. Wenn man nun nicht mehr nur von all den Herren mit altgrammatikalischem Aplomb, sondern auch von den Fachleuten aufs generische Maskulinum zurückgeworfen wird, muss man deshalb sagen: Nein, das ist auch vorbei. Man kann sich schlecht darauf berufen, dass halt schon immer so gesprochen wurde, damals zum Beispiel, als Frauen kein eigenes Konto eröffnen und nicht in die Bibliotheken durften. Die Hörgewohnheit hat sich durch gendernde Nachrichtensprecherinnen bereits verändert, sie folgten aber nur den sich ändernden Zeiten. Es ist heute ein Missklang, wenn jemand von den Politikern spricht und nicht auch von Politikerinnen. Und auch sachlich ist es falsch, im Feldversuch mit neuen Impfstoffen nur von Probanden zu reden, denn sie wirken bei Frauen und Männern recht unterschiedlich. Universalismus ist eben nicht Gleichmacherei, sondern Identität für alle. 

So mögen Genus und Sexus tausendmal zwei schön getrennte Dinge sein, Frauen haben heute dennoch ein Recht darauf, sich nicht mitgemeint zu fühlen, wenn sie als Kunde angeschrieben werden. Der Mann und die Frau sind nicht gleich. Das generische Femininum, wie Frau Baerbock es im Triell verwendete, ist schon deshalb nicht das Gelbe vom Ei, sondern nur dasselbe in Grün. Es machte sehr müde. Aber wie wäre es denn zur Güte, wenn bis zum Auftauchen einer besseren Lösung zuerst der Respekt käme und dann die Grammatik? Das kennen wir vom Honorifikum: Täglich sprechen wir Menschen in der dritten Person Plural an, obwohl sie vor uns stehen, und das einzeln. Im selben zivilisatorischen Geist von Distanzwahrung und Anerkennung könnten Männer bevorzugt das generische Femininum und die Frauen das Maskulinum verwenden, ebenfalls generisch. Das würde den Aufwand charmant minimieren. Wir könnten uns gar wieder wichtigeren Dingen im selben Problemfeld zuwenden, die von der Fortpflanzung bis zur Wahlliste auch so viel mit innen zu tun haben und mit außen. Mit drinnen und draußen. Ohne Wohlwollen wird man da, genau wie auf dem Radweg, sowieso nicht auskommen.